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Geschichtsträchtiger Süden

Blutige Geschichte − Nach dem morgendlichen Einkaufsbummel machen wir uns via Great River Road auf den Weg Richtung New Orleans. Die Route entlang des Mississippi führt an mehreren Plantation Houses vorbei. Die Herrenhäuser sind Überbleibsel aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Sie erinnern an die wohlhabenden Plantagenbesitzer auf der einen und die unterdrückten Sklaven auf der anderen Seite.

Ausgangspunkt für die Sklaverei im Süden Amerikas war die Entstehung einer Plantagenwirtschaft mit hoch profitablen, aber aufwändig zu kultivierenden Erzeugnissen wie Baumwolle, Tabak und Rohrzucker. Um diese Arbeiten zu verrichten, hielten die Plantagenbesitzer unter teils ärmlichen Bedingungen oft mehrere hundert Sklaven. Die wohlhabenden Südstaatenfamilien nahmen nicht nur im gesellschaftlichen Leben eine führende Rolle ein, sondern hatten auch in der Bundespolitik lange Zeit ein festes Standbein. Erst mit dem Beginn der Industrialisierung im Norden des Landes, Anfang des 19. Jahrhunderts, verschob sich das wirtschaftliche und damit auch politische Gewicht immer mehr Richtung Norden.

Die Interessen der beiden völlig gegensätzlichen Wirtschaftssysteme liessen sich immer schwerer miteinander vereinbaren. Der Süden, als Agrarland auf die Ausfuhr von Baumwolle, Tabak und anderer Produkte angewiesen, verfocht eine Freihandelspolitik. Der Norden, der seine noch junge Industrie vor der Einfuhr von Massenprodukten aus England schützen wollte, trat für möglichst hohe Schutzzölle ein. Auch in der Politik gab es zwischen den beiden Landesteilen einen tiefen Graben. Die im Süden stark vertretene demokratische Partei war für eine weitgehende Autonomie der Einzelstaaten, welche das Recht einschloss, auf ihrem Territorium die Sklaverei weiterhin zu gestatten. Im Norden trat man dagegen für eine starke Zentralmacht in Washington und für das Prinzip der freien Arbeit ein.

Freie und Sklavenstaaten waren zunehmend darauf bedacht gegenüber der jeweils anderen Seite im Senat nicht in die Minderheit zu geraten. Dieses Problem stellte sich immer dann, wenn ein neuer Staat in die Union aufgenommen werden sollte.

Mit dem Missouri-Kompromiss versuchte man den Konflikt zu entschärfen. Eine künstlich gezogene Linie sah vor, dass in allen neuen Staaten nördlich dieser Linie (ausser Missouri) die Sklaverei verboten wird, während sie südlich davon weiterhin praktiziert werden durfte. Die Ausgeglichenheit stand jedoch auf wackeligen Beinen. Nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg (1846-1848), der für die USA grosse Landgewinne südlich dieser Linie einbrachte, verschob sich das Gleichgewicht wieder zugunsten des Südens. Mit einem neuen Kompromiss konnte der Kongress ein weiteres Mal die Wogen glätten. Es gelang ihm jedoch nicht den Konflikt dauerhaft aus dem Weg zu schaffen. Die Situation spitzte sich weiter zu und erreichte mit der Wahl des Republikaners Abraham Lincoln zum 16. Präsidenten der USA ihren Höhepunkt.

Abraham Lincoln verabscheute die Sklaverei zwar persönlich, vertrat gegenüber den Südstaaten aber einen am geltenden Recht und Gesetz orientierten Standpunkt. Nach diesem wurde die Sklaverei in jenen Staaten geduldet, in denen sie bei der Verabschiedung der US-Verfassung 1787 bereits bestand. Trotz Lincolns gemässigter Haltung gegenüber der Sklaverei fühlten sich die Südstaaten übergangen. South Carolina, Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Virgina, Arkansas, Tennessee und North Carolina traten aus der Union aus und bildeten neu die Konföderierten Staaten von Amerika.

Im April 1861 beschossen die oben genannten Südstaaten Fort Sumter, einen Stützpunkt der Union und lösten damit den Sezessionskrieg (Civil War) zwischen den beiden Parteien aus. Obwohl die Sklavenfrage einer der Auslöser des Krieges war, so spielte sie zumindest anfangs eine untergeordnete Rolle. In erster Linie ging es um die Wiedervereinigung der Union (aus der Sicht des Nordens), respektive um die Erhaltung der Eigenständigkeit (aus der Sicht des Südens). Erst als Abraham Lincoln realisierte, dass die Sklaverei die Quelle allen Übels ist, ernannte er die Abschaffung dieser schliesslich zum offiziellen Kriegsziel. Damit verunmöglichte er gleichzeitig, dass England und Frankreich, die aus wirtschaftlicher Sicht (Import von Baumwolle aus den Südstaaten für die Textilindustrie) die Konföderation unterstützen, aus moralischen Gründen (Unterstützung der Sklaverei) aktiv in den Krieg eingreifen konnten.

Der Krieg dauerte bis 1865, forderte rund 650’000 Todesopfer und endete mit einem Sieg des Nordens. Um die Ursache des Konflikts ein für allemal zu beseitigen, wurden noch im selben Jahr alle Sklaven befreit. Lincoln wurde nur wenige Tage nach Kriegsende von einem Südstaatensympathisanten ermordet.

 

«I have a dream» − Obwohl die Sklaverei abgeschafft wurde, leideten die Afroamerikaner in den Südstaaten noch lange unter ihrer Hautfarbe. Die Rassentrennung in Schulen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Schwimmbädern etc. galt in den Südstaaten teilweise bis in die 1970er Jahre. Hinzu kamen die Attacken des Ku-Klux-Klans, der auch vor Brandstiftung und Mord an Schwarzen und ihren Sympathisanten nicht zurückschreckte.

Erst mit der Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren trat langsam Besserung ein. Ihr bekanntester Führer, Martin Luther King, propagierte den gewaltlosen Widerstand. Mittels einem 13 Monate dauernden Boykott gegen ein Busunternehmen, sit-ins in Restaurants für Weisse und ähnlichen Aktionen gelang es King und seinen Anhängern, die Medien auf die ungerechte Behandlung aufmerksam zu machen und so den Druck auf die Behörden zu erhöhen. Die Rassentrennung wurde Schritt für Schritt abgebaut. Martin Luther King wurde sein Engagement für die Schwarzen und später auch für die Armen und gegen den Vietnamkrieg zum Verhängnis. Er fiel 1968 einem Attentat zum Opfer. Wie bei der Ermordung von Präsident John F. Kennedy (1963), der Martin Luther King und seine Bewegung unterstützte, war auch in diesem Fall schnell ein Täter gefunden. Und wie bei Kennedy halten sich auch bei King bis heute Verschwörungstheorien, wonach CIA und FBI die Finger im Spiel gehabt haben sollen.

Für uns sind Zustände wie sie zur Zeit der Rassentrennung herrschten, heute schwer vorstellbar. Kaum zu glauben, dass sie hier noch vor weniger als einem halben Jahrhundert zur Tagesordnung gehörten. Wie kann eine Rasse oder ein einzelner Mensch so arrogant sein, andere als minderwertig zu bezeichnen? Und trotzdem geschah und geschieht es immer wieder.

Das Thema schwarz und weiss ist in den USA auch heute noch aktuell. Viel hat sich geändert und trotzdem bleibt in vielen Köpfen der Leute etwas zurück. Wird es Barack Obama im November 2008 gelingen diese Hemmschwelle zu überwinden? Fakt ist, dass er bereits mit der Nomination zum Präsidentschaftskandidaten Grossartiges erreicht hat. Mit dem Sieg könnte Martin Luther Kings Traum endgültig in Erfüllung gehen.

 

Plantation Houses − Mit diesem Hintergrundwissen starten wir unsere Fahrt auf der Great River Road entlang des Mississippi River. Den ersten Halt legen wir beim Cabin Restaurant ein, welches in den ehemaligen Sklavenbaracken der Monroe Plantation untergebracht ist, ein. Der Innenraum ist mit alten Zeitungen tapeziert, die die Sklaven mit einer Mischung aus Wasser und Mehl zur Isolation an die Wände gekleistert haben. Hinter dem Restaurant befindet sich das St. Joseph Schulhaus. Es war die erste katholische Schule für schwarze Kinder.

Kurze Fotostopps legen wir auch bei der Houmas und Oak Alley Plantation ein. Das zweite Haus verdankt seinen Namen einer Allee aus 300-jährigen Eichen, die die Zufahrt zum Haus säumt.

Das nächste Anwesen, die Laura Plantation, wollen wir näher unter die Lupe nehmen. Während einer Privatführung (um diese Jahreszeit hat es keine anderen Besucher) erfahren wir, warum Laura unter den Plantation Houses der River Road eine Sonderstellung einnimmt. So macht uns die Führerin auf die spezielle, kreolisch beeinflusste Architektur des Haupthauses aufmerksam. Leider wurde es durch einen Brand im letzten Jahr zu einem grossen Teil zerstört und wird zurzeit renoviert. Uns bleibt darum nur der Anblick von aussen. Das Haus wurde 1805 von einer kreolischen Familie, die von französischen Einwanderern abstammt, gebaut. Es liegt erhöht auf mehreren Säulen aus Ziegelstein, welche von unten für eine gute Luftzirkulation sorgen. Die Wohnräume befinden sich im oberen Stock, dessen Aussenwände gelb angemalt sind. Auf der Front- und Rückseite werden die Wohnräume von überdachten Veranden umgeben.

Ein weiteres spezielles Merkmal der Laura Plantation ist, dass sie während vier Generationen von Frauen (Nanette, Elisabeth, Désirée, Laura) geleitet wurde. Dies ging nur deshalb, weil in dem 1803 von Napoleon an die USA verkauften Louisiana weiterhin Teile des Code Napoleon galten, insbesondere die Gleichstellung von Mann und Frau. So konnten Frauen in Louisiana, im Gegensatz zu den Nachbarstaaten, Land erwerben, Handel treiben und Sklaven kaufen.

Die Laura Plantation war 150 Hektaren gross und kultivierte Zuckerrohr. Während der «Blütezeit» waren auf dem Betrieb 185 Sklaven aus Senegal und Gambia beschäftigt. Wir können eine der Sklavenbaracken besichtigen. Die Innenräume der Holzhütte wirken schön aufgeräumt. In einem Gestell sind Töpfe und Krüge aufgereiht. In einer Ecke stehen Körbe und Eimer. Wir bezweifeln, dass es zur Zeit der Sklaven auch so hübsch hergerichtet war.

Unsere Führerin erzählt, dass die in ganz Amerika berühmte Kindergeschichte «Br’er Rabbit» auf ein westafrikanisches Märchen zurückgeht, welches die senegalesischen Sklaven auf der Laura Plantation in diesen Hütten ihren Kindern erzählten. Da wir die Geschichte nicht kennen, können wir ihre Begeisterung nicht teilen.

Positiv bewerten wir, dass man bei der Laura Plantation das dunkle Kapitel der Sklaverei nicht ausklammert, sondern in die Führung integriert. Wir haben uns deshalb bewusst für diese Plantage entschieden. Wie wir dem Reiseführer entnehmen konnten, konzentriert man sich an den meisten anderen Orten auf die schöne und heile Welt der reichen Plantagenbesitzer, ihre Herrenhäuser und Besitztümer.

 

Energievorkommen − Nach dieser geballten Ladung an Geschichtsunterricht brauchen wir etwas Ruhe. Wir finden sie − vom Motorenlärm abgesehen − in unserem Land Rover. Über eine Brücke gelangen wir auf die andere Seite des Mississippi River. Von der Strasse aus erblicken wir ein paar riesige Raffinerien. Sie bestehen aus einem Wirrwarr aus Rohren, Tanks und Türmen. An mehreren Stellen steigt Dampf auf. Wir vermuten das hier Erdöl und/oder Ergas gefördert wird, welches beides in Louisiana vorkommt.